Gewerbeschau organisieren: Leitfaden für Gewerbevereine, Kommunen und Wirtschaftsförderungen

Nach fünf Jahren Pause plant die Stadt Bocholt für den 20. Juni 2027 wieder eine Gewerbeschau im I-Park, nach Angaben der Stadt dem größten zusammenhängenden Industrie- und Gewerbepark Nordrhein-Westfalens. Jeder teilnehmende Betrieb zahlt 600 Euro Grundgebühr zuzüglich Mehrwertsteuer, ein Zeltstand mit 12 Quadratmetern ist darin enthalten. Als Ziele für die Betriebe nennt die Stadt neue Kundschaft, Fachkräfte und Auszubildende, mehr Sichtbarkeit und neue Kontakte. Damit neben dem Publikum auch passende Geschäftskontakte und Bewerber kommen, braucht es gezielte Planung.

Eine Gewerbeschau ist eine regionale Ausstellung, auf der Betriebe aus Handwerk, Handel, Industrie und Dienstleistung zeigen, was sie können. Veranstalter sind meist Gewerbevereine, Städte und Gemeinden oder Wirtschaftsförderungen. In diesem Leitfaden zeigen wir Ihnen, wie Sie Träger, Standpreise, Sponsoring und Ablauf planen. Sie erfahren auch, wie Sie vereinbarte Geschäftsgespräche in den Publikumstag einbinden.

Was ist eine Gewerbeschau?

Gewerbeschau, Gewerbeausstellung und Leistungsschau meinen im Kern dasselbe: eine zeitlich begrenzte Ausstellung der Betriebe eines Ortes oder einer Region. Rechtlich ist sie meist eine Ausstellung im Sinne von § 65 der Gewerbeordnung. Danach ist eine Ausstellung eine zeitlich begrenzte Veranstaltung, auf der viele Aussteller ein repräsentatives Angebot eines oder mehrerer Wirtschaftszweige oder Wirtschaftsgebiete ausstellen und vertreiben oder darüber informieren. Für die Gewerbeschau ist das Wirtschaftsgebiet entscheidend: Die Aussteller verbindet der Ort, nicht die Branche.

Der Begriff grenzt sich von verwandten Formaten ab:

FormatWer stellt ausWer kommtTypischer VeranstalterZweck
GewerbeschauBetriebe eines Ortes oder einer Region, alle BranchenBürgerinnen und Bürger, andere Betriebe, BewerberGewerbeverein, Stadt, WirtschaftsförderungSichtbarkeit, Kunden, Fachkräfte, Kontakte
FachmesseAnbieter einer BrancheFachbesucher dieser BrancheMessegesellschaft, FachverbandGeschäft innerhalb einer Branche
HausmesseEin Unternehmen, oft mit PartnernEingeladene KundenDas Unternehmen selbstKundenbindung und Vertrieb
UmkehrmesseEinkäufer an TischenLieferanten besuchen die EinkäuferEinkaufsverbund, Kammer, öffentliche HandNeue Lieferanten finden
UnternehmerfrühstückKeine StändeRegionale UnternehmerGewerbeverein, Kammer, WirtschaftsförderungRegelmäßiges Netzwerken

Wo die Gewerbeschau unter den Messearten steht und was eine Fachmesse von einer Publikumsmesse unterscheidet, erklären wir in unserem Überblick zu Messearten. Lädt ein einzelnes Unternehmen seine Kunden ins eigene Haus ein, ist das eine Hausmesse mit ganz anderer Einladungslogik. Bei einer Umkehrmesse sitzen die Einkäufer an Tischen, und genau dieses Prinzip kann eine Gewerbeschau für ihre Fachbesucherzeit übernehmen. Wer seine Mitglieder dagegen jeden Monat ohne Stände an einen Tisch bringen will, ist beim Unternehmerfrühstück besser aufgehoben.

Wer eine Gewerbeschau veranstaltet

Wer die Gewerbeschau trägt, entscheidet über Budget, Personal und Haftung. In der Praxis gibt es zwei Modelle.

Im ersten Modell organisiert ein Gewerbeverein die Schau, oft ehrenamtlich und nicht in jedem Jahr. Ein Beispiel ist die Bobinger Gewerbeausstellung (BOGA), die der Gewerbeverein Bobingen am 8. und 9. August 2026 in der Singoldhalle parallel zum Bobinger Volksfest veranstaltete (Wirtschaftsnews aus dem Rathaus, Dezember 2025). Die Kopplung an ein Volksfest bringt Publikum, ohne dass der Verein dafür allein werben muss.

Im zweiten Modell veranstaltet die Stadt selbst, über Stadtmarketing oder Wirtschaftsförderung. Bocholt ist so ein Fall. Die Stadt hat Personal für Veranstaltungen, einen festen Ansprechpartner und Sponsoringpartner wie Sparkasse, Volksbank und Stadtwerke. In beiden Modellen können Kammern und Kreishandwerkerschaften als Partner auftreten, etwa beim Schulvormittag.

Einen Punkt sollten Sie früh mit dem Ordnungs- bzw. Gewerbeamt klären. Nach § 69 der Gewerbeordnung setzt die zuständige Behörde auf Antrag des Veranstalters eine Ausstellung nach Gegenstand, Zeit, Öffnungszeiten und Platz fest. Messen und Ausstellungen können auch für die innerhalb von zwei Jahren vorgesehenen Veranstaltungen festgesetzt werden. Ob eine Festsetzung für Ihre Gewerbeschau sinnvoll ist und welche Pflichten und Erleichterungen damit verbunden sind, klären Sie mit der Behörde. Das ersetzt keine Rechtsberatung.

Warum Betriebe ausstellen und was sie selten bekommen

Ist der Träger geklärt, kommt die Frage, die jeder Aussteller stellt: Lohnt sich der Stand? Für einen Betrieb ist er eine Investition aus Gebühr, Material und vor allem Arbeitszeit. Denken Sie an den Inhaber eines Elektrobetriebs mit 14 Mitarbeitern. Er bucht einen Stand, schickt zwei Leute für ein Wochenende hin und verzichtet damit auf zwei Tage Arbeit auf Baustellen. Im Herbst danach entscheidet er, ob er wieder mitmacht. Seine Frage lautet: Was hat mir das gebracht außer Kugelschreibern und Bratwurst?

Ein Teil der Antwort liegt bei den Bewerbern. Laut DIHK-Ausbildungsumfrage 2026, an der sich rund 14.000 Unternehmen beteiligten, konnten 49 Prozent der IHK-Ausbildungsbetriebe 2025 nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen. Für Ihre Gewerbeschau heißt das: Für viele ausstellende Ausbildungsbetriebe ist die Nachwuchssuche ein offenes Thema. Ein eigener Schulvormittag mit angemeldeten Klassen bedient dieses Ziel besser als ein Wochenende, an dem Jugendliche zufällig vorbeischlendern. Wie Sie solche Begegnungen strukturieren, zeigen wir im Leitfaden zum Azubi-Speed-Dating.

Der andere Teil sind Geschäftskontakte zu anderen Betrieben und zu Einkäufern. Sie entstehen auf einer klassischen Gewerbeschau eher zufällig, am Rand, wenn sich Aussteller am Nachbarstand unterhalten. Die Einkäuferin der Stadtwerke kommt vielleicht am Sonntag mit der Familie, aber nicht zum Gespräch.

Planen Sie neben dem Publikumstag gezielte Gespräche mit Einkäufern, anderen Betrieben und Bewerbern. So können Aussteller unterschiedliche Ziele mit ihrer Teilnahme verbinden.

Die Planung Schritt für Schritt

Gespräche zu planen kostet Vorlauf, deshalb beginnt der Zeitplan früh. Für eine mittelgroße Gewerbeschau sollten Sie etwa ein Jahr einplanen.

Eine Gewerbeschau in sieben Schritten

  1. 12 Monate
    Träger, Termin, Ort Wer veranstaltet, wer haftet, wer zahlt vor? Termin mit Stadtfesten und Ferien abstimmen, Halle oder Gelände sichern.
  2. 10 Monate
    Ordnungsamt und Genehmigungen Festsetzung, Sicherheitskonzept, Verkehr und Parken mit der Stadt klären.
  3. 9 Monate
    Standpreise und Sponsoring Grundgebühr, Standgrößen und Sponsoringpakete festlegen, Anmeldung öffnen.
  4. 6 Monate
    Einkäufer und Schulen gewinnen Stadtverwaltung, Stadtwerke, Klinik und größere Betriebe für die Fachbesucherzeit einladen, Schulen für den Schulvormittag.
  5. 3 Monate
    Gesprächswünsche sammeln Einkäufer nennen ihren Bedarf, Aussteller fragen Gespräche an, Termine werden bestätigt.
  6. Messetag
    Fachbesucherzeit, dann Publikum Vereinbarte Gespräche vor der Öffnung, danach Ausstellung und Rahmenprogramm für alle.
  7. +2 Wochen
    Auswerten und nachfassen Aussteller befragen, Gesprächszahlen berichten, Termin der nächsten Schau ankündigen.
Converve Planungsbeispiel; Festsetzung nach § 69 Gewerbeordnung

Standpreise und Sponsoring festlegen

Die Grundgebühr deckt Organisation und Werbung, die Standgröße den Platz. Bocholt hat dieses Prinzip sauber getrennt und dabei eine Option geschaffen, die viele Gewerbeschauen nicht kennen: Betriebe im Gewerbepark können ohne Stand teilnehmen und ihre eigenen Werkstore öffnen.

Bocholter Gewerbeschau 2027: Gebühren und Pakete

600 €
Grundgebühr je Betrieb, Zeltstand mit 12 m² inklusive oder offener Betrieb ohne Stand
+500 €
für den großen Zeltstand mit 24 m² Freifläche bis 100 m²: +1.500 €
2.500 bis 10.000 €
Sponsoringpakete Classic, Plus und Premium je nach Paket mit Stand, Logo, Radiospot und Getränkegutscheinen
Stadt Bocholt, Anmeldung und Sponsoringmöglichkeiten Gewerbeschau 2027, abgerufen Oktober 2026; alle Preise zuzüglich Mehrwertsteuer

Für Ihre eigene Kalkulation heißt das: Legen Sie zuerst fest, welche Kosten jeder Betrieb unabhängig von der Fläche tragen soll, und bepreisen Sie dann die Fläche. Wie Sie von der Kostenuntergrenze zum Quadratmeterpreis kommen und was Sie zusätzlich verkaufen, zeigen wir im Leitfaden Standpreise kalkulieren. Kleinere Schauen setzen niedriger an: In Medebach zahlten Aussteller aus dem Stadtgebiet 2024 eine Gebühr von 175 Euro. Sponsoren aus der Region, etwa Banken und Stadtwerke, wollen vor allem Sichtbarkeit. In Bocholt umfassen die Pakete je nach Stufe einen Stand im Zelt, das Logo auf Plakaten und Bannern und beim Premiumpaket eine Erwähnung bei Bühnengesprächen.

Ort und Rahmenprogramm wählen

Eine Halle macht unabhängig vom Wetter, ein Gewerbegebiet zeigt die Betriebe dort, wo sie arbeiten. Bocholt verbindet beides: Zelt für die Aussteller, dazu Betriebsbesichtigungen und ein Familienprogramm. Das Rahmenprogramm füllt den Platz, bringt aber selten Geschäft. Planen Sie es für den Nachmittag und die Fläche, nicht für die Stunden, in denen Gespräche stattfinden sollen.

Die Fachbesucherzeit vor der Öffnung

Hier liegt der größte Hebel. Reservieren Sie die ersten zwei Stunden des ersten Tages, etwa von 9 bis 11 Uhr, für angemeldete Betriebe und Einkäufer. Das Publikum kommt erst danach. In Joplin im US-Bundesstaat Missouri lief es genau so: Bei der Business EXPO der örtlichen Handelskammer war der Vormittag im Januar 2026 Geschäftsbesuchern vorbehalten, Eintritt war eine Visitenkarte. Erst ab Mittag kam die Öffentlichkeit gegen 5 Dollar Eintritt.

Wer sind die Einkäufer einer Gewerbeschau? Denken Sie an Organisationen, die jedes Jahr bei regionalen Betrieben einkaufen:

  • Öffentliche Hand: Bauamt, Gebäudemanagement, Schulträger und Bauhof der Stadt oder des Kreises.
  • Kommunale Unternehmen: Stadtwerke, Wohnungsbaugesellschaft, Klinikum, Entsorgungsbetrieb.
  • Größere Betriebe vor Ort: Industrieunternehmen, die Handwerker, Dienstleister und Zulieferer aus der Region suchen.
  • Andere Aussteller: Der Elektrobetrieb sucht einen Steuerberater, die Druckerei einen IT-Dienstleister.

Fragen Sie jeden Einkäufer vorab, was er einkauft, welcher Bedarf in den nächsten zwölf Monaten ansteht und wie viele Gespräche er führen kann. Zwei Stunden mit Terminen von 15 Minuten ergeben acht Gespräche je Einkäufer. Bei zehn Einkäufern sind das 80 Gespräche, also nicht für jeden Aussteller jeder gewünschte Termin. Versprechen Sie deshalb ein faires Verfahren statt Garantien: Anfragen nach Bedarf, eine Obergrenze je Betrieb und bestätigte Uhrzeiten.

Öffentliche Einkäufer sind an das Vergaberecht gebunden. Ein Gespräch auf der Gewerbeschau ersetzt kein Vergabeverfahren, es macht Betriebe bekannt. Sagen Sie das in der Einladung offen, dann sagen Einkäufer der Verwaltung leichter zu.

Mit Converve legen Aussteller und Einkäufer bei der Anmeldung ein Profil an, mit Angebot, Bedarf und den Merkmalen, die Sie festlegen. In einer regelbasierten Meeting-Matrix bestimmen Sie, welche Teilnehmergruppen einander anfragen dürfen, etwa Betriebe nur Einkäufer. Bestätigte Gespräche landen ohne Überschneidung mit Uhrzeit und Tisch in beiden Terminplänen. Wie das auf Messen aussieht, zeigen wir auf unserer Seite für Messen.

Setzen Sie die Gespräche in einen ruhigen Einkäuferbereich mit nummerierten Tischen, nicht an die Stände. Die Einkäufer bleiben sitzen, die Betriebe kommen zu ihnen. Eine Person am Eingang achtet auf die Zeit.

Was Sie nach der Gewerbeschau messen sollten

Die Besucherzahl steht am Montag in der Zeitung. Für den Inhaber des Elektrobetriebs ist sie zweitrangig. Messen Sie, was über seine nächste Anmeldung entscheidet:

  1. Angefragte, bestätigte und geführte Gespräche in der Fachbesucherzeit, je Aussteller und je Einkäufer.
  2. Kontakte zu Bewerbern, etwa vereinbarte Praktika oder Bewerbungsgespräche.
  3. Angebote und Folgetermine innerhalb von 30 Tagen nach der Schau.
  4. Die Bereitschaft, bei der nächsten Gewerbeschau wieder auszustellen.

Schicken Sie innerhalb von zwei Wochen eine kurze Umfrage an Aussteller und Einkäufer und teilen Sie die Ergebnisse mit allen Betrieben. Ein Inhaber, der liest, dass in zwei Stunden 80 Gespräche stattfanden, drei davon mit seinem Betrieb, entscheidet anders als einer, der sich nur an die Tombola erinnert.

Häufig gestellte Fragen

Was ist eine Gewerbeschau?

Eine Gewerbeschau ist eine regionale Ausstellung, auf der Betriebe eines Ortes oder einer Region aus Handwerk, Handel, Industrie und Dienstleistung ihre Leistungen zeigen. Veranstalter sind meist Gewerbevereine, Städte oder Wirtschaftsförderungen. Rechtlich handelt es sich in der Regel um eine Ausstellung im Sinne von § 65 der Gewerbeordnung.

Wie organisiere ich eine Gewerbeschau?

Beginnen Sie etwa zwölf Monate vorher: Träger, Termin und Ort festlegen, mit dem Ordnungsamt Festsetzung und Sicherheitskonzept klären, Standpreise und Sponsoringpakete veröffentlichen und die Anmeldung öffnen. Laden Sie sechs Monate vorher Einkäufer und Schulen ein und sammeln Sie drei Monate vorher Gesprächswünsche für eine Fachbesucherzeit vor der Publikumsöffnung.

Was kostet ein Stand auf einer Gewerbeschau?

Das hängt von Ort und Größe ab. Bei der Bocholter Gewerbeschau 2027 zahlt jeder Betrieb 600 Euro Grundgebühr zuzüglich Mehrwertsteuer, ein Zeltstand mit 12 Quadratmetern ist enthalten. Der größere Stand mit 24 Quadratmetern kostet 500 Euro mehr. In Medebach lag die Gebühr für Aussteller aus dem Stadtgebiet 2024 bei 175 Euro.

Was ist der Unterschied zwischen Gewerbeschau und Messe?

Auf einer Fachmesse stellen Anbieter einer Branche für Fachbesucher dieser Branche aus, oft aus dem ganzen Land. Auf einer Gewerbeschau verbindet die Aussteller der Ort: Betriebe aller Branchen aus einer Stadt oder Region zeigen sich Bürgern, Bewerbern und anderen Betrieben.

Wie bringe ich Einkäufer auf die Gewerbeschau?

Laden Sie Einkäufer von Stadt, Stadtwerken, Klinik und größeren Betrieben persönlich sechs Monate vorher ein. Fragen Sie nach ihrem Bedarf und bieten Sie eine Fachbesucherzeit vor der Publikumsöffnung mit vereinbarten Gesprächen von 15 Minuten in einem ruhigen Bereich. Einkäufer kommen, wenn der Termin ihnen Suchzeit spart.

Fazit: Erst die Gespräche, dann das Publikum

Eine Gewerbeschau zeigt, was ein Ort wirtschaftlich kann. Bürger, Familien und Rahmenprogramm füllen den Platz. Ob ein Betrieb in zwei Jahren wieder ausstellt, entscheidet sich aber an Gesprächen mit Einkäufern, anderen Betrieben und Bewerbern. Planen Sie diese Gespräche so sorgfältig wie die Standvergabe.

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